Antonio Viani und die Feinkost aus Göttingen
Antonio Viani Importe ist ein Göttinger Familienunternehmen, das seit 1973 italienische und europäische Feinkost nach Deutschland bringt. Angefangen hat es mit Trüffeln für die Spitzengastronomie, heute umfasst das Sortiment über 3.000 Erzeugnisse von rund 400 handwerklichen Manufakturen.
Antonio Viani Importe ist kein Hersteller, sondern ein Sucher. Das Haus stellt selbst nur wenig her und findet stattdessen die Betriebe, die es können: eine Familie in den Abruzzen, die Paprika grillt, eine Bäckerei in Pinerolo, die seit 1922 dieselbe Mutterhefe pflegt, ein Kapernbauer auf Salina. Was diese Betriebe machen, kommt über Göttingen ins deutsche Regal.
Ein Seemann, eine Dolmetscherstunde, ein Geschäft
Antonio Viani stammt aus Pietra Ligure an der ligurischen Riviera und fuhr zunächst als Offizier der Handelsmarine zur See. Anfang der 1960er-Jahre kam er der Liebe wegen nach Göttingen, wo seine Frau Ingrid lebte.
Mit Lebensmitteln hatte er zunächst nichts zu tun. Er baute einen Büromaschinenhandel auf und verkaufte Schreibmaschinen, ein Geschäft, das er noch bis 1986 nebenher weiterführte. Der Wechsel kam durch Zufall: Viani dolmetschte bei einer Göttinger Fleischwarenfabrik für einen italienischen Sommertrüffelhändler, und aus dem Gefallen wurde ein Handelsvertreterverhältnis.
Der Trüffelhandel wuchs schnell und in Größenordnungen, die man heute kaum vermutet: Bis zu 23 Tonnen im Jahr gingen an die Fleischwarenindustrie, damals noch als Konserve. 1973 gründete Viani daraufhin das eigene Importgeschäft, denn nun kam die frische Ware dazu und mit ihr eine ganz andere Kundschaft.
Die deutsche Spitzengastronomie entdeckte Italien in genau diesen Jahren. Köche wie Eckart Witzigmann, Dieter Müller und Harald Wohlfahrt fragten nach Dingen, die es hier nicht gab, an Spitzmorcheln, Balsamico und rosa Pfeffer erinnert sich Antonio Viani noch heute. Das Sortiment wuchs mit jeder Anfrage.
Aus dem Trüffelhändler wurde so binnen weniger Jahre ein Feinkostimporteur. Wer erst einmal Trüffel liefert, wird auch nach dem Öl gefragt, nach dem Essig, nach dem Reis, und irgendwann steht ein ganzes Sortiment im Lager. Das erklärt, warum die Sammlung bis heute so aussieht, wie sie aussieht: gewachsen entlang von Fragen, nicht am Reißbrett geplant.
Dreitausend Erzeugnisse von vierhundert Manufakturen
Heute führt das Haus über 3.000 Produkte von rund 400 handwerklich arbeitenden Erzeugern aus Italien und dem übrigen Europa. Viani hat native Olivenöle extra, ligurisches Pesto und Balsamico-Essige in Deutschland überhaupt erst eingeführt.
Bei uns im Regal steht der Querschnitt daraus. Am häufigsten geht der Prosecco DOC Spumante Brut über den Tisch, dicht gefolgt von den San Marzano Tomaten in der Vintage-Dose, die aus Kampanien kommen und im Vorratsschrank selten alt werden. Bei den Antipasti sind es die Cucunci, ganze Kapernäpfel von der Insel Salina, eingelegt in Prosecco.
Dazu kommen die Risotti in der Tüte, allen voran das Trüffelrisotto mit Carnaroli-Reis und echtem Sommertrüffel, der Limoncello il Convento von der Sorrentiner Halbinsel und die Pfunds Karamellcreme aus dem Dresdner Milchladen, die zeigt, dass sich das Haus längst nicht mehr auf Italien beschränkt.
Wer stöbern will, findet die Sparten unter Antipasti und Eingelegtes, Dosentomaten und Risotto. Dazwischen liegen Colombe zu Ostern, Panettoni zu Weihnachten und ein Rotwein aus der Extremadura, der zeigt, wie weit der Radius inzwischen reicht.
Auffällig ist, wie viel davon Saisonware ist. Die Colomba gibt es nur im Frühjahr, den Panettone nur im Winter, die Sommertrüffel werden zwischen Mitte Juni und Ende August verarbeitet. Ein Importeur, der so einkauft, hat mehr Arbeit als einer, der das ganze Jahr dieselben zwanzig Artikel fährt. Man merkt es dem Regal an.
Drei Marken, und was hinter ihnen steckt
Viani führt drei eigene Marken, und sie bedeuten Unterschiedliches. Das zu wissen hilft beim Einordnen dessen, was auf dem Etikett steht.
Unter der Hausmarke Viani bündelt das Unternehmen Erzeugnisse fremder Betriebe, die es ausgesucht hat. Selbst hergestellt wird dabei fast nichts, mit einer Ausnahme: die frischen Pesti. Wer also ein Glas mit dem Viani-Etikett kauft, kauft die Auswahl des Hauses, nicht seine Produktion.
Viani und Co. steht auf der Trüffellinie, von der Tartufata über die Trüffelbutter bis zu den ganzen Sommertrüffeln im Glas. Die frischen Trüffel bezieht das Haus aus Umbrien und der Toskana, im Betrieb kümmert sich mit Silvia Marchini eine Toskanerin um diese Sparte, und die Konserven entstehen nach BRC-Standard bei Erzeugern, mit denen Viani seit Jahren arbeitet.
Primopasto schließlich ist die Linie für Tafeloliven und eingelegtes Gemüse, rund 20 Artikel stark. Und hier nennt Viani die Betriebe ausnahmsweise beim Namen: Das Gemüse kommt von Ralò, einem Familienbetrieb in den Abruzzen, die Oliven von einem venetischen Haus, das sich seit 1955 darauf spezialisiert hat. Beide hat Viani vor Ort besucht.
Nicht der Preis entscheidet, sondern wer es macht
Die Haltung des Hauses lässt sich an den Erzeugern ablesen, die es führt, und die haben selten das billigste Angebot. Gutes Essen bedeute Lebensqualität, heißt es bei Viani, und je nachhaltiger es erzeugt und gehandelt werde, desto größer der Gewinn für alle.
Wie das praktisch aussieht, zeigen die Betriebe: Devodier in der Emilia-Romagna lässt seinen Rohschinken 24, 30 oder 36 Monate hängen und deckt die Reifekeller mit Photovoltaik. Galup in Pinerolo frischt seine Mutterhefe seit 1922 täglich mit Wasser und Mehl auf. Cascina San Giovanni im Südpiemont bezieht die Rohstoffe seit über 25 Jahren von denselben Bauern. Der Turiner Eismacher Alberto Marchetti lässt seine Zabaionecreme von einer Gruppe junger Menschen mit Behinderung abfüllen.
Das sind keine Ansagen aus einer Broschüre, sondern Entscheidungen, die Geld kosten und Zeit brauchen. Genau darin liegt der Unterschied zwischen einem Importeur, der Container bewegt, und einem, der Betriebe besucht.
Ehrlich ist dabei auch, was das Haus nicht behauptet. Bei den meisten Eigenmarken-Gläsern steht als Herkunft schlicht Italien, ohne Region und ohne Betriebsnamen. Das ist im Feinkosthandel üblich und wäre leicht mit einer schöneren Geschichte zu überdecken. Viani lässt es lieber unbeschriftet, als sich eine Herkunft auszudenken.
Vom Lager in Göttingen in die Alimentari
Die Zentrale sitzt in der August-Spindler-Straße in Göttingen, in einem ehemaligen Telekom-Gebäude. Von dort gehen die Waren an Feinkostläden, Fachgeschäfte und Feinkostabteilungen in ganz Deutschland und Österreich.
1995 übernahm Sohn Remo Viani das operative Geschäft, nachdem er zuvor eine Werbeagentur mitgegründet hatte. Vorbereitet hat er sich gründlich: erst ein dreimonatiger Italienischkurs, dann zehn Monate durch die Regionen Italiens, von Lieferant zu Lieferant. Sein Vater zog sich 2006 mit siebzig Jahren zurück.
Unter Remo kam das eigene Ladengeschäft dazu. 2010 öffnete die erste Viani Alimentari in der Lange-Geismar-Straße in Göttingen, 2019 übernahm das Unternehmen die Kochhaus-Filialen. Heute gibt es Alimentari in Berlin, Hamburg, Göttingen, München und Stuttgart, dazu die Cucina Viani in Göttingen.
Für uns ist das Haus vor allem eines: der kürzeste Weg zu Betrieben, die wir sonst einzeln suchen müssten. Wer italienisch kochen will und dafür mehr braucht als Nudeln, ist in dieser Sammlung richtig. Noch mehr aus Italien liegt unter Italien.